Autophilie - Automobilismus und Selbsterfüllung

Kaum ein Thema bewegt die Interessierten mehr als das der Autophilie - sieht man einmal von dem der Autophobie ab, denn die Fortbewegung auf mehr als drei Rädern gehört zu den evolutionär vornehmsten Errungenschaften der uns bekannten Menschheitsgeschichte.

Porsche 911 - zumeist ganze Zuwendung

Der vielleicht legendärste, in der Grundkonzeption aber bestimmt traditionellste, Sportwagen, der jahrzehntelang jung erhalten wurde, ist der Porsche 911, dessen Prototyp auf der IAA in Frankfurt a.M. 1963 als Nachfolger des 356 mit der Benennung 901 vorgestellt wurde. Allerdings hatte sich "Konkurrent" Peugeot zuvor schon die Bezeichnung 901 markenrechtlich für seine 1er-Produktreihen als Reservezeichen schützen lassen, sodass dieser deutsche 2+2-Sitzer aus dem "Ländle" im Jahr 1964 dann schließlich technisch modifiziert als serienreifes und straßentaugliches Fahrzeug unter der Bezeichnung Porsche 911 auf den internationalen Markt kam.

Das heckmontierte Boxer-Motor-Antriebskonzept und Gesamt-Design lagen weiterhin genetisch auf der Linie des "Ur-Porsche" VW Käfer, dessen Massenerfolg im Hause Volkswagen bei Porsche wiederum - als Firma des maßgeblichen Initiators (Ferdinand Porsche, Nachfolger: Ferry Porsche) - keinen Anlass zu einer grundlegenden Konzeptrevision hervorrief. Auch in den USA waren die Halb-Ei-Derivate und Vorgänger des 911 schon zu echten Kultautos gediehen (James Dean). Porsche als deutscher Sportwagenhersteller etablierte sich in den Fünfziger Jahren weltwelt als gehobene Marke.

Schnell und nachhaltig wurde der 11er folgerichtig zu einem weltweiten Verkaufserfolg und zu einem gefürchteten Wettbewerbsfahrzeug auf Rennkursen und Rallyestrecken, und zur Freude vieler wohlhabener Besitzer war er auch stets Manifestation höchsten Sozialprestiges, einer teutophilen Juvenilität oder sogar prä-, post-, im-, hyper- vielleicht sogar omnipotenten Virilität.

Der 911 S ist 1972 das schnellste in Deutschland gebaute Serienfahrzeug gewesen. Ein leidenschaftlicher User war übrigens Andreas Baader (RAF), der in dieser Hinsicht seinen "bourgeoisen" Leidenschaften - im wahrsten Sinne des Wortes - auch hier freien Lauf gab. Die Faszination 911 ist also klassenübergreifend, zumindest milieu-unabhängig, und konnte bis heute technisch-ästhetisch nie ernsthaft angekrittelt werden - schließlich geht dieses Fahrzeug in all seinen Ausführungen sofort gut los, sieht zudem verdammt gut aus und hat einen hohen Wiederverkaufswert bei einer beneidenswert geringen Verschrottungsrate.

Eine besondere Erwähnung verdient noch der "Targa", eine Frischluftvariante des 911, die dem Hedonismus Besitzender einen zusätzlichen Anlass gab, sich sehen und bewundern lassen zu können. Heutzutage kann der Targa auch geschlossen sein (z.B. Porsche Targa 4 S), während ein Porsche Carrera auch als Kabriolet etwas hermacht (z.B. 911 Carrera 4 S Cabriolet). Beide Geschosse sind satt bestückt (Sep. 2008: 3800 ccm, 6 Zylinder, Boxermotor, 385 PS) und erreichen Spitzengeschwindigkeiten um die 300 km/h.

Ein Porsche 911 bleibt bis auf Weiteres ein aktual vielgestaltig produziertes und PS-starkes Identifikationsobjekt, obwohl oder gerade weil sein konstruktionsbedingt leichter Hang zum Übersteuern nie ganz zu bändigen war und voraussichtlich sein wird. Die Motorlast auf der Hinterachse (Heckmotor) macht aber für Kenner und Genießer auch und besonders einen guten Teil des Fahrvergnügens aus. Der 911 verlangt eben zumeist ganze Zuwendung und muss als ein klassisches Idiom der Automobilgeschichte gelten. Mit dem Auto in den Asien-Urlaub fahren die Wenigsten, viele reisen hingegen sehr komfortabel mit den Angeboten einer Experten-Website dorthin.

Mercedes W110 - mit Hut und Aktentasche

Die individuelle Fortbewegung mittels Motorkraft spiegelt auch die Einkommens- und Eigentumsverhältnisse wider, und die Fahrzeugreihe Mercedes-Benz W110 wies deren Halter als zur oberen Mittelklasse gehörend aus. Folglich standen diese Kfz weniger an den Straßenrändern von Berlin-Kreuzberg oder Wedding, sondern eher in den Villen-Garagen von Grunewald und Dahlem.

Die Typenreihe W110, die von 1961 bis 1968 in Stuttgart-Sindelfingen endmontiert wurde und den legendären aber technisch und ästhetisch schon lange veralteten "Ponton" ablöste, bot mit ihren Heckflossen (Einparkorientierungshilfe „Peilsteg“) ein Layout, das zwar seinen modischen Zenit im Ursprungsland USA schon überschritten hatte, aber in Europa als mondän, selten und nachahmenswert galt. Die klare und kraftvoll-elegante Gestalt des W 110 war jedoch voll stilbildend und setzte zudem technisch innovative Markierungen, z.B. das weltweite Debüt der Knautschzone als Beitrag zur passiven Sicherheit in der Fahrgastzelle. Andere Teile der Karosserie waren auch aufpralloptimiert (Überschlagstabilität), um hier ebenso mehr Sicherheit (in Kompaktbauweise) zu gewährleisten.

Die Kernzielgruppe von Mercedes Benz galt vornehmlich nicht als adrenalinsüchtig, dagegen vermehrt statusbewusst, manchmal sogar bis zur ostentativen Superiorität. Schließlich formte und verfestigte auch der Mercedes Heckflossler im Volksmund das lästerliche Wort von der "eingebauten Vorfahrt" für MB-Fahrzeuge. Auf der anderen Seite schien die Qualität dieses Pkw und sein Fahrkomfort auch objektiv zu beweisen, was damals noch gesellschaftlicher Konsens war und woran jeder gern glauben mochte: "Gute Arbeit kostet gutes Geld".

Besondere Karriere machten die Dieselvarianten 190 D und 200 D als Taxi, denn Raumangebot, Fahreigenschaften, Zuverlässigkeit, Materialbelastbarkeit, ergo Wirtschaftlichkeit sowie Langlebigkeit bei hohem Wiederverkaufswert konnten von anderen Herstellern in diesen Jahren in e i n e m Auto so nicht konzentriert werden. Die Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit waren kaum denen des VW 1200 (Käfer) überlegen, aber damals für ein gewerblich genutztes Automobil durchaus akzeptabel.

Auch die Benziner der Reihe (Ottomotor) waren keine Silberpfeile: bei maximal 120 PS und einem durchschnittlichen Leergewicht von 1,34 t, doch sicher auch nicht verhaltensauffällig. Der klischeehafte Mercedesfahrer fuhr mit Hut und Aktentasche aber keine Ampel-Beschleunigungsvergleiche. Etwas Luxus, etwas Fortschritt sowie viel Bewährtes und Repräsentatives: Das ist der Stoff aus dem der Wohlstand ist ...


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-> Change your car in the middle of the road, take the better one. Standardmotorisierung bei Übergewicht gilt als nicht standesgemäß. In der Blechlawine Individualität zu bewahren, gilt hingegen als tugendhaft <-


Texte und Fotos © 2016 Oliver Greh