Autophilie - Automobilismus und Selbstverständnis

Die Fortbewegung in Unikaten gehört zu den evolutionär vornehmsten Errungenschaften der uns bekannten Menschheitsgeschichte.

Buma 3001 i "Siberian Breeze" - ein bisschen Forscherglück

Wer kannte bisher schon die kleine Nutzfahrzeugfertigung und mechanische Instandhaltungsbude "Bumsk Maruschkaja No. 1" mitten im westsibirischen Tobolsk? - außer den regional Ansässigen doch so gut wie niemand. Das wird sich wohl bald geändert haben, denn die Menschheitsgeschichte steht vor einer Zäsur und danach in einer neuen Epoche.

Stellen Sie sich vor, Sie steigen in Ihren Pkw und fahren Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr und brauchen weder zu tanken, noch Öl nachzufüllen, nicht einmal die Batterie nachzuladen oder gar zu ersetzen. Es gibt keinen Motor, keine Batterie, somit keinen Energieverbrauch, keine Nutzung von Powerquellen, jedenfalls nicht der uns bisher bekannten Art und Weise, nicht einmal Sonne, Wind oder Biogas sind im Spiel ...

Der Buma 3001 i "Siberian Breeze" (die "1" steht für Einmaligkeit und das "i" für "Intelligenzija") wird einzig und allein durch die Willenskraft und Ratio des Fahrzeugführers angetrieben, gelenkt und auch sonst wie betrieben.

Der Antrieb von Geräten und Fahrzeugen mittels tierischer oder menschlicher Muskelkraft bei Kutsche oder Tretmühle sowie bei Tretmobil oder Fahrrad ist nichts Neues - sinnfällig und jedem bekannt -, aber was hier im verschlafenen West-Ural gelungen sein mag, wirkt nicht nur messianisch, sondern vielleicht auch in seinen möglichen Konsequenzen etwas unheimlich; die sich abzeichnenden Dimensionen sind jedenfals atemberaubend: Denn jetzt transformiert sich der Verstand und der Wille des Fahrzeugführers - bisher nur auf der rein idealistischen Ebene, "wo ein Wille ist, ist auch ein Weg" existent - zur realen Fortbewegung, zur quasi unerschöpflichen Energiequelle im Jetzt und in aller Zukunft. Damit erhält der Begriff Kraftfahrzeug einen völlig neuen Bedeutungshorizont. Antrieb, Lenkung und sogar alle zusätzlichen Funktionen gehorchen dem Gedankenstrom des Fahrers, sodass nach kurzer Einweisung auch Lüftung, Licht und Fensterheber mental aktiviert werden können. Batterie und Lichtmaschine gehören bei diesem motorlosen Modell als Bauteile folglich der Vergangenheit an.

Unglaublich, aber die Abschaffung aller derzeitigen und zukünftigen Energiefragen und zugleich die ökologische Errettung des Planeten sind so nahe wie nie, all das könnte aus Tobolsk kommen und als Perpetuum mobile beglückend in die Menschheitsgeschichte eingreifen. Zum Starten eines Fahrzeugs genügt zukünftig ein Wimpernschlag oder vielleicht auch ein Aufstoßen, jedenfalls behaupten das die Ingenieure von Bumsk Maruschkaja No. 1 und verweisen auf ihren schmucken fünfsitzigen Viertürer mit der lenin-sargähnlichen Kuppelverglasung und den mehr als 200 gefühlten PS.

Der exilierte koreanische Diplomingenieur und promovierte Psychiater Kim Kan Au, einer der globalen Hightech-Kfz-Konstrukteure und Mentor des Unternehmensprojektes, beschreibt das Vorhaben ganz kühl, trocken und lakonisch. "Wir schaffen für ein Landfahrzeug ein Antriebskonzept, das allein auf dem geistigen Willen und der Ratio des Fahrzeugführers basiert. Energiequellen wie Benzin, Batteriestrom oder Segel sind für unser Fahrzeugkonzept völlig obsolet. Der Siberian Breeze bewegt sich alleinig durch den Willen des Gedankenstroms seines Fahrers und wird auch rein mental gelenkt. - Wir haben hier sicherlich kein Fred-Feuerstein-Antriebskonzept exhumiert." Zumindest der maximal mechanisch mögliche Wendekreis des Fahrzeuges von mehr als 30 Metern Durchmesser lässt zusätzliche Kräfte erahnen. Der real mögliche Radeinschlag kann allenfalls symbolisch Richtungswechsel andeuten, denn die eigentliche Lenkleistung wird demnach nur aus einer umsichtigen Gedankenbündelung des Fahrzeugführers resultieren müssen.

Auf einer Teststrecke in Zentral-Kirgisien sollen bisher mit dem Prototyp mehrfach - quasi antriebslos - Geschwindigkeiten von weit über 210 km/h erreicht worden sein. Bei optimaler Bündelung der Mentalkräfte aller Fahrzeuginsassen sollen in Kürze sogar Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 290 km/h möglich werden. Das hieße, Mehrgewicht - nämlich höhere menschliche Zuladung - erbringt höhere Fahrzeugleistungen. Dieses sensationelle Fahrgerät (im wahrsten Sinne des Wortes eine Selbstfahrlafette) stellt alles Bisherige grundsätzlich in Frage. Geistige Spannkraft und menschlicher Wille gebündelt zu der mit Abstand leistungseffizientesten Motorkraft der Menschheitsgeschichte eröffnen Dimensionen, die mit einem Schlag fast sämtliche Energie- und Ökoprobleme auf diesem Planeten marginalisieren könnten. Der liechtenstein-stämmige Firmenchef, Hugo Kosovo, gab sich deshalb auf einer Pressekonferenz in der süduralischen Stadt Magnitogorsk auch betont cool: Es sei eben ein multidimensionaler Quantensprung gelungen, schließlich habe man nur Genie, Arbeitsleistung und Vision zu bündeln verstanden sowie ein bisschen Forscherglück gehabt. Am Anfang und Ende stünde wie bei allem Großen aber immer eine Intelligenzleistung.

Maßgebliche Entscheidungsträger russischer Öl- und Gas-Trusts lehnten eine finanzielle Beteiligung an diesem epochalen Entwicklungsvorhaben bisher mit dem Hinweis ab, man könne sich vernünftigerweise doch den Absatz im Kerngeschäft nicht selbst untergraben. Russische Militärs geben sich hingegen interessiert, wenn auch vorsichtig, schließlich wolle man keinem Phantom à la Potemkin aufsitzen.

Auf der angestrengten Suche nach investstarken Kooperationspartnern wandten sich die Transuralier sogar an den ehemaligen Klassenfeind, aber sowohl Hedgefonds, private Großanleger als auch regierungsfinanzierte Think Tanks und sogar die intimen Gegner von einst wie Pentagon, State Department, CIA, FBI, NSA, DIA, AI, MCIA, ONI, AIA, NASA, DEA u.v.m. sagten reihenweise zum Beispiel auch unter dem arroganten Hinweis ab, man habe "auf diesem Forschungsgebiet einen Vorsprung, den einzuholen, sich transuralische Bastler allenfalls im nächsten Jahrhundert anmaßen können". Auch andere Ansprechpartner gehen prinzipiell auf Distanz, dazu Gene Driveman, Unternehmenssprecher des Gemischtwarenkonzerns United Money & Money Temple, mit süffisantem Zynismus: "Mit Geistheilern, Handauflegern und Hütchenspielern ist weder die schnelle noch überhaupt Kohle zu machen, wir verzichten dankend und bedienen lieber die realistischen Gewinnerwartungen unserer Anleger mit eigenen Wundern. Außerdem fahre ich persönlich einen 1975er Thunderbird, der richtig ´was wegschluckt und in Parkhäusern Vibrationen erzeugt, die jeden Spritpreis rechtfertigen". Und schließlich Toulon Illtone-Steigenburger, die Alleinerbin der Hochtechnologieschmiede Spiral Staircase & Heaven Up Inc., findet alles nicht der Rede wert und meint frivol-spöttisch: "Wenn ich meine Möpse vor den laufenden Kameras einiger Fernsehsender auspacke, gerät sehr viel mehr in Bewegung als ein paar Blechkisten am Arsch der Welt", denkt dabei aber eher an ihre weitaus pikanteren, blitzlicht-umwittert blondierten Sliplos-Auftritte.

Dass die Formgebung des Fahrzeuges stark an ein französisches Pkw-Nachkriegserfolgsmodell erinnert, ist vielleicht gar kein Zufall, sondern sogar gewollt. Dazu der Firmensprecher Iwan Stukatow etwas generös: "An viel Traditionellem und Bewährtem haben wir uns ganz bewusst orientiert, damit Halter, Fahrer und Insassen ein Gefühl der Vertrautheit verspüren, sich an die gute alte Zeit anlehnen und so mit dem Ultrarevolutionären schneller vertraut machen können. Zum Beispiel werden wir sogar serienmäßig ein Lenkrad verbauen".

Schön, dass es noch etwas gibt, an das man sich halten und sich daran festhalten kann.


-> Das selbstmobile Vehikel als Projektionsfläche unerfüllter - und letztlich unerfüllbarer - Wünsche nach Omnipotenz und Ubiquität. Im Experimentalfahrzeug materialisiert sich Leidenschaft <-


Texte und Fotos © 2017 Oliver Greh