Autophilie - Automobilismus und Selbsterhöhung

Die Fortbewegung auf Luft gefüllten Gummischläuchen gehört zu den evolutionär vornehmsten Errungenschaften der uns bekannten Menschheitsgeschichte.

Mercedes S-Klasse - kaum noch überflüssige Fragen

Prolog: Die jeweils homogenisierte Summe von Einzelpatenten, Testkilometern und Produktionsverfahren formt Fahrzeuge; Mercedes hat seit Jahrzehnten in fast all seinen Serienfahrzeugen ein Fahrgefühl kultiviert, das seines gleichen sucht und in der S-Klasse die bisher jeweils zeitnahe Optimierung verspricht.

"S-Klasse" ist nicht erst seit einer gleichnamigen popmusikalischen Produktion (S. Setlur/1997) ein Synonym für High End, Premium, Luxus, Leistung, State of the Art und Prestige im deutschen Sprach- und Absatzgebiet. Auch weltweit versteht man seit Langem gleich, was gemeint ist, wenn von der Mercedes S-Class die Rede ist.

Mit der schon vorher de facto existenten ("alte S-Klasse"), aber erst ab 1972 auch als Produktlinie konsequent definierten und benannten S-Klasse, schuf Mercedes Benz (Daimler Benz, DaimlerChrysler) eine Typenreihe im oberen Bezahlbereich, die zuerst sowohl Limousinen als auch Coupés (ab 1996 CL-Klasse) beinhaltete. Auf einmal hingen die automobilistischen Standards in Hinsicht Design, Leistung, Technik und Ausstattung im Hochpreissektor für die nationale und internationale Konkurrenz merklich höher. Das King Size in klarer Linienführung bei traumhafter Haptik, schlafwandlerischer Ergonomie und einer schlummernd exorbitanten Energiereserve ließ so manchen Chauffeur arbeitslos werden, weil der Halter jetzt ausschließlich selber lenken wollte.

Auch auditiv ist man von der Vulgarität der Außenwelt weitgehend abgeschirmt, nicht einmal die Arbeitsleistung des eigenen Vortriebs ist bei den Modellen der letzten Baureihen ohne teleologische Hinwendung vernehmbar. Eine gewisse Verkapselung - geradezu Behütetheit - schafft hier Raum für ein physisch-mentales Refugium, wie es vielleicht nur mit dem in einem Raumschiff fernab irdischer Unbill assoziiert werden würde.

Die Klasse der S-Klasse-Besitzer und -Nutzer ist so disloziert wie sozial herkunftsheterogen; unter ihnen befinden sich Selfmademen, Vorstände, Aufsichtsräte, Politiker, Showstars, Lottokönige, Stammesfürsten, Adelsabkömmlinge, Unterweltgrößen sowie Warlords, und meistens haben all diese nur die Absenz von Ressourcenknappheit und den guten Geschmack gemein - so jedenfalls landläufige Einschätzung. Als Repräsentationsgefährt der bestaunten Art - für manchmal auch nicht ganz standesgemäße Verwender - macht dieses Edel-Kfz aber auch das Janusgesicht von Wohlstand deutlich und die Frage implizit: "Verdient dieser, was er verdient?". In der Regel wird diese Nobelkarosse jedoch nur von wirklich feinen Leuten und angesehenen Leistungsträgern frequentiert, sodass doktrinäre Kritik und hässlicher Neid eigentlich nur bei notorisch Missgünstigen sowie frustrierten, tendenziell sogar manchmal gewaltbereiten Querulanten aufkommen kann. Spätestens nach der Fahrt i n einer S-Klasse entweichen selbst vorher noch Renitenten kaum noch überflüssige Fragen, auch hartnäckig anderweitig Marken"-Korrumpierte" wurden so bisher fast immer erfolgreich bekehrt.

Traditionsgemäß eignet sich jedes Fahrzeug der S-Klasse nicht nur als Komfortgefährt, Machtbeweis und Kraftentfaltung, sondern lässt sich im Sinne eines aufrüstungsgenialen Personenschutzes auch ganz kommod verpanzern. Dass sich das Fahrzeuggewicht dabei (je nach Beschussklasse) weit mehr als verdoppeln kann, wird von den Spitzenaggregaten des Konzerns (z.B. MB S 600 lang/Jahrgang 2008: V 12, 5513 ccm, 517 PS) spielend kompensiert. Ein vermeintlicher Geschosshagel, die Spritzwirkung von Sprengfallen oder sogar Rocket Propelled Grenades (RPG bzw. Panzerfaust) können so häufig ohne Gesichtsverlust durcheilt oder zumindest ohne Personenschäden umkurvt werden, auch wenn manchmal danach am Blech-, Chrom-, Gummi- und Glaskleid Blessuren vom Durchstandenen entstanden sein mögen.

Bei der staatstragenden Pullman-Modifikation (quasi ein Ahnvater der S-Klasse) konnte in den sechziger Jahren eigentlich an Hochherrschaftlichkeit nur noch ein Rolls Royce, vielleicht noch ein Bentley, mithalten. Die zeitgenössischen US-amerikanischen Alternativen machten dagegen bei näherer Begutachtung auf viele einen eher chromiert-kistigen Eindruck. Für sie galt überdies: Wer heute von heute ist, ist morgen von gestern, und außerdem war es schon immer etwas teurer, einen zeitlosen Geschmack zu haben. Weltweit führten dann nicht selten die Verarbeitungsgüte made in Germany und besagte Probefahrt zum letztlichen Kaufentscheid vor Ort.

Die S-Klasse war auch Statement und polarisierte: In den meisten RGW-Staaten entschied man sich aus ideologischer Correctness ("Linientreue"), flankiert von investiver Devisen-Zurückhaltung, prinzipiell so gut wie immer gegen die S-Klasse. In Staatskarossen vom Klassenfeind war eben kein Staat zu machen. So kamen hier Sowjetisches oder Tschechisches, allenfalls ein paar Schweden auf die Piste.

Epilog: Wie sagte einer der Bundeskanzler so schön?: "Leistung muss sich wieder lohnen!". Dem bleibt nur hinzuzufügen: "Dann darf sie auch etwas kosten!". Denn gute Arbeit kostet gutes Geld - man gönnt sich ja sonst nichts, außer vielleicht ein bisschen Mercedes S-Klasse ...

Jaguar XJ - bis heute etwas Besonderes

Jaguar ist die Gattungsbezeichnung einer mittelgroßen Raubkatze aus den südlichen Regenwäldern der Neuen Welt, deren Art sich in einer Nordmigration befindet und die Südstaaten der USA zu infiltrieren begonnen hat. Jaguar ist der Name einer britischen Sport- und Edelwagenautoschmiede, die Motormobilgeschichte geschrieben hat und aus kultisch-ästhetischem Grund dies immer noch tut und wahrscheinlich noch lange tun wird. Jaguar steht für edel, preisbewusst, schnell und formschön.

Mit dem Jaguar XJ brachten die Briten ihr 6- bzw. 12-zylindriges Flaggschiff auf den Markt. Das war 1968, und an der spezifischen Eleganz dieser bis heute produzierten Modellreihe hat sich nichts geändert. Nicht nur äußerlich bestach das Edelmobil durch eine flache, klare Silhouette, auch die Innenausstattung war angenehm distinguiert, die Doppelscheinwerfer identitätsstiftend. Gediegenes Äußeres, geschmackvolles Interieur bei selbstverständlich kongenial seltenem Preisprofil führten bei der Edelkatze nie zum Overcrowding, aber schon zu einer gewissen Populationsdichte in Villengegenden, Finanzhandelsdistrikten und Luxuseinkaufsmeilen. Der Jaguar ist sowohl in freier Wildbahn als auch im Asphaltgeschehen kein Rudeltier; es ist bis heute etwas Besonderes geblieben, einen zu fahren und Exklusivität hat ihren Preis.

Das naturgemäß etwas weniger dichte Händlernetz und die nach Auskunft einiger User zeitweise nicht als übertrieben redundant zu bezeichnende Ersatzteillage auf dem Kontinent machten die seltene Katze noch exklusiver. Diese Logistikbesonderheiten gehören aber nun schon lange der Historie an, denn die verkauften Exemplare sind langlebig und Nachwuchs kommt stetig dazu, sodass der Gesamtbestand über die Jahre hinweg leicht zunahm und die Fachwerkstätten keine unangemessenen Fristen mehr setzen müssen.

Mittlerweile hat man sich vom 12-Zylinder-Aggregat getrennt und bietet einen 8-Zylinder an (Stand 2008). Die Fahrleistungen sind trotzdem advanced, sodass ab 250 km/h elektronisch "abgeregelt" wird. Hetzen gilt auf der Insel sowieso als unfein, zumindest unschicklich. Obwohl nur wer die Regeln kennt, weiß sie genussvoll zu übertreten, behaupten zumindest Gentlemen alter Schule.

UK ist seit Anbeginn ein Land automobiler Tradition (Lotus, MG, Vauxhall) und veritabler Rennsportkultur (Aston Martin, Williams, McLaren, Cosworth), aber schon lange nicht mehr das Land der automobilen Massenartikel. Diese Erkenntnis können Rover und Mini zur Zeit kaum relativieren, sondern eigentlich nur bestätigen. Trotzdem kann die Inselmonarchie momentan mit ihren tradierten Nobelmarken (Rolls Royce, Bentley, Jaguar) durchaus zufrieden sein, denn zumindest diese nationalökonomische Eigenheit ist very british und typical.


-> Dem Munde von Sozialneidern entfährt manch´ Hässliches; im Polster hängen, nach unten treten und verbrauchte Luft absondern. Vorrichtungen mit Kultcharakter gibt es in jedem Preissegment <-


Texte und Fotos © 2017 Oliver Greh