Autophilie - Automobilismus und Selbstbescheidung

Die Fortbewegung mittels Verbrennungsmotor zur nächstgelegenen Einkaufsstraße gehört zu den evolutionär vornehmsten Errungenschaften der uns bekannten Menschheitsgeschichte.

Opel Kadett - schließlich doch gekillt

Der phänomenale Siegeslauf des VW Käfer, der wesentlich zur Motorisierung der Bundesrepublik Deutschland beitrug und als USA-untypisches Automobil selbst dort reüssierte ("Herbie"), konnte nicht unbeantwortet bleiben. Folgerichtig bekam die Adam Opel AG als einer der großen deutschen Autohersteller vom überseeischen Mutterkonzern GM die Order, einen Käferkiller zu kreieren, um in Europa auch bei der unteren Mittelklasse Marktanteile einzusammeln.

Konzeptionell setzte man mit dem Opel Kadett ab 1962 Kontrapunkte (auch begriffshierarchisch im eigenen Produktportfolio: Kapitän und Admiral): eckig gegen rund, Wasserkühlung gegen Luftkühlung, Frontmotor gegen Heckmotor, und so waren Raumangebot, Rundumsicht und Fahrleistungen dem Wolfsburger klar überlegen. Während aber der zeitlos-archaisch Bucklige aus Niedersachsen das Vehikel von Vorarbeitern, Polizisten und Generaldirektoren sein konnte, entstiegen den Kadetts auffällig viele Verwaltungsangestellte, Handelsvertreter und Ruheständler. Erst ab 1965 mit einer B-Version, einem weiteren Innovationsschub 1967 und erfolgreichem Motorsportengagement streifte der Kadett das Strickjacken-Image ab. Die Zielgruppe wurde merklich jünger, die Formgebung mit Fließheck merklich gefälliger und mit der 1,9-Liter-Motorisierung konnte man auf bundesdeutschen Autobahnen schon richtig vorn mitrudern.

Eines jedoch war markant: Die Rostresistenz des Käfers blieb überlegen; Langlebigkeit war kein besonders hervorstechendes Merkmal des Kadett. Nicht zuletzt hat aber auch der Kadett den Wettbewerber Volkswagen auf den Golf gebracht und damit den Käfer schließlich doch gekillt.

1979 wurde die Werksproduktion eingestellt, aber damit war die Ära dieses sympathisch auf Familien mit kleinem Budget zugeschnittenen Fahrzeugs noch lange nicht am Ende. Denn mit Kadett D und Kadett E kamen bis 1993 grundsätzlich reformierte Nachfolger in den Umlauf. Dann erinnerte man sich der Firmengeschichte, die in den dreißiger Jahren schon einmal einen Kadett / Astra hervorgebracht hatte und entschied sich für "Astra" zur Fortführung der Produktreihe.

BMW Mini - Bewegung, Raum und Zeit

Zwischen die Low-Price-Angebote des italienischen Fiat 500 und des deutschen VW Käfer schoben die findigen Briten ab 1959 den Morris Mini und verzeichneten weit über den Verkaufsbereich ihrer Insel hinaus einen ansehnlichen Markt-Erfolg. Dieses Spar-Car war wohlgestaltet, niedlich designed, kostenarm, platzsparend sowie in Rennwettbewerben überaus durchsetzungsstark - ein Erfolgsmodell eben. Spätestens mit Carnaby Street, Flower Power und einer Suche der Jugend nach preisgünstiger Mobilität und Ungebundenheit wurde er ab Ende der 60er zum kultischen Dauerbrenner. Mit seinem Understatement konnte man richtig renommieren. Sogar im Stammland wurde er - ganz untypisch für GB - genauso klassenübergreifend wie es sein etwas größerer Konkurrent VW Käfer weltweit schon war.

Nachdem sich BMW im Zuge diverser Autoherstellerübernahmen als Mutterkonzern in UK der Renaissance dieses Kleinstwagens annahm, war die Neukonstruktion des Mini bei Rover schon weit gediehen. Bevor BMW bei Rover dann wieder ausstieg, kam es folgerichtig zu einem Know-How-Transfer, sodass das Entwicklungsfinish für das Projekt Mini jetzt im bayerischen Stammhaus stattzufinden hatte.

Also erblickte 2001 mit dem neuen Mini ein Lifestyle-Trendmobil das Licht der Kfz-Welt, das merklich größer und beträchtlich teurer als sein Vorläufer war aber in Design, Ausstattung und Technik brillieren konnte und an vergangenen Ruhm anzuknüpfen alle Voraussetzungen mitbrachte. Allerdings schien sich dieser Mini der BMW Group anfangs auch etwas stark in die Pannenstatistik verknüpfen zu wollen. Ein Phänomen, das bei fast allen Newcomern vorkommen kann und in der Regel zeitnah korrigiert wird - so auch hier.

Aus dem genügsamen Kleinstwagen war ein Kleinwagen geworden, mit dem man in gesellschaftlich "besseren" Kreisen positiv aufzufallen weiß. Auf den Rennstrecken etablierte er sich in einer eigenen Klasse, der "Mini Challenge".

In der 2. signifikanten Generation dieses Fahrzeugtyps, die nun ab 2006 vom Band lief, gab es einige Karosseriekorrekturen im Frontbereich und einen Motorwechsel, der aus einer Kooperation mit Peugeot resultiert.

Neuerdings fährt auch eine Kombivariante - genannt Clubmann - durch die Gegend, und erwartungsgemäß trat wiederum der altbekannte "Aufblas-Effekt" in Erscheinung, der hersteller- und epochenübergreifend eine Grundkonzeption - nahezu Jahr um Jahr und dann meist besonders - immer weiter physisch aufzuwerten, häufig aufzublähen sich nicht aufhalten lässt. Das nennt man Auffrischung der Modellreihe - oder allgemeiner "Evolution", und die ist bekanntlich so alt wie alles seit Anbeginn, zudem unaufhaltsam, ergo apodiktisch. Singulärer Stillstand bedeutet nämlich Rückschritt, weil alles andere - sozusagen an einem vorbei - immer weiter zum amorphen Ideal der Vervollkommnung hindrängt. Jetzt kommen wir aber schon in den Bereich der linearen respektive exponentiellen Korrelationen von Bewegung, Raum und Zeit sowie den eigentlichen Protagonisten Masse und Energie, damit schließlich zur Relativitätstheorie und deren Dualismus mit der Quantenmechanik in der Teilchenphysik. Letztlich hier expandiert der Beschreibungs- und Bewertungshorizont vom Induktiven in die Unerkennbarkeit unermesslicher Unendlichkeit ...

Dabei hatte mit dem Mini alles so klein angefangen.

Noch ein Letztes: Masse generiert axiomatisch Raum, und sich bewegende Masse generiert das, was wir Zeit nennen.


-> Das Auto als Statussymbol, Rammbock, Zwingburg oder Barockgondel trifft nicht immer zu; der Zweitwagen als Blechnapf, Kinderschaukel oder Hutschachtel dann schon eher <-


Texte und Fotos © 2017 Oliver Greh