Autophilie - Automobilismus und Selbsterfüllung

Die Fortbewegung auf knautschigen Plastiksesseln gehört zu den evolutionär vornehmsten Errungenschaften der uns bekannten Menschheitsgeschichte.

Mercedes-Benz W114 / W115 - Hausmannskost aus dem Musterländle

Als das Wirtschaftwunder schon selbst fast wunderlich weit zurücklag und nach einer Phase der Stagnation eine neue Epoche seine kulturellen und prosperitären Schatten vorauswarf, kam der Mercedes W 114 / W 115 auf die Verkaufsflächen der Vertragshändler, um in der gehobenen Mittelklasse ein äußerlich zwar dem Trend entsprechendes, aber dennoch schlichtes Fahrzeug auf den Markt zu bringen. Die Frontpartie zeugte zwar von einer gewissen designerischen Unentschlossenheit zwischen traditionellem Kühlergrill und eigenwilligem Scheinwerferlayout, aber die Karosserieform war so geradlinig funktional, dass man auch heute noch und gerade von einer geschmacklichen Zeitlosigkeit reden mag. Wenige Jahre später erfasste diese Layout-Hommage der Horizontalen als modellpolitisches Understatement auch die Oberklasse (S-Klasse).

Technisch allerdings setzten die Stuttgarter mit dem W 114 / W 115 - auch /8 ("Strich-Acht") genannt - neue Marksteine. Besonders im Bereich Fahrwerk und aufpreisigen technischen Extras brillierte das neue Umsatzrückgrat des Konzerns (insgesamt fast 2 Millionen verkaufte Fahrzeuge). Als ein Mercedes mit hoher Laufkultur und langjähriger Kilometer-Rekordleistung setzte er sich als Dieselfahrzeug wieder in der Spitzengruppe im Taxigewerbe fest, wurde aber auch wegen seiner Untermotorisierung in der Variante 200 D als "Heizölferrari" verspottet. Immerhin erreichte diese Type mit Automatikgetriebe und fast 1,5 t schwer noch 125 km/h, die 100 km/h aber erst nach ca. 30 sec.

Die Sechs-Zylinder-Coupé-Variante 250 war mit 150 PS allerdings mehr als ausreichend motorisiert. Im Laufe des Jahres 1976 löste der W123 diese Modellreihe ab und reüssierte ohne Wehmut zu hinterlassen.

Der Mercedes-Benz W 114 / W 115 gehört als Limousine ganz unspektakulär zur deutschen Automobilgeschichte, genauso wie badisches Schäufele (gepökelt-geräucherte Schweineschulter) mit warm serviertem Kartoffelsalat zur deutschen Esskultur gehört - geradlinig, trotzdem aromatisch, angenehm sättigend - solide Hausmannskost aus dem Musterländle. Schäufele und die Idee des Mercedes W114 / W115 Viertürer - so scheint es - sind zwei verschiedene Äußerungsformen e i n e r Lebensart.


-> Das Auto als Ausflugsdampfer, Gartenschaukel, Paradekissen und - ganz Kind seiner jeweiligen Zeit - Spritvertilger: Das westeuropäische Wirtschaftswunder mit seiner Vollbeschäftigung hielt für den kleinen Mann und den Herren von Welt viel Fahrbares bereit <-


Texte und Fotos © 2017 Oliver Greh