Autophilie - Automobilismus und Selbstverwirklichung

Die Fortbewegung in kistenartigen Behältnissen mit gewöhnungsbedürftiger Farbgebung gehört zu den evolutionär vornehmsten Errungenschaften der uns bekannten Menschheitsgeschichte.

BMW 3er - richtig rotieren

Wenn man an eine Automarke denkt, die bei den türkischstämmigen Jugendlichen in Deutschland Kultstatus erlangt hat, denkt man an BMW, genauer gesagt, an den 3er des bayerischen Herstellers. Er stellt in dieser Bevölkerungsgruppe ein Statussymbol dar, das prestigeaufwertender kaum vorstellbar ist, obwohl sein klassisches Äußeres alles andere als orientalisch wirkt, wenn auch Designkritiker meinen, dass die vorerst letzte Generation (E90) 2005 diese bisherige Klarheit etwas vermissen lässt. Die mit merklichem Abstand größte Käuferschar des BMW 3er hat allerdings keinen wie auch immer gearteten Migrationshintergrund.

Als Nachfoler des BMW 02, der den deutschen Automarkt durch arrivierte Motorleistung und Fahrwerksauslegung aufmischte, machte der BMW 3er ab 1975 auch gleich eine gute, betont sportliche Figur. Er war nie billig, weil er nie als Schnäppchen-Mobil galt. Jedenfalls ist bei ihm, je nach Fahrertyp, Adrenalin ohne Aufpreis verfügbar.

Der BMW 3er ist ein originär zweitüriges Mittelklassemobil mit betont sportiver Note, hatte in seiner Jugendzeit und Hochzeit erfreulich wenig bayuwarischen Barockzierrat und bescherte seinem Hersteller die bisher größte Fertigungsrate e i n e r Produktreihe. Der kleine Kraftmeier geht nicht nur auf der Straße gut ab, sondern lässt auch die Laufbänder seines Fabrikanten richtig rotieren. Anfang der achtziger Jahre waren schon über eine Million Fahrzeuge dieses Typs zugelassen.

Dass er ein echter Feger auf den Rennwettbewerben für Tourenwagen war, befeuerte seinen Absatz zusätzlich und stimulierte Nachahmer im öffentlichen Straßenverkehr unnötig. Legendär sind die Ritte von Hans-Joachim Stuck auf einem BMW 320 bei der DRM (Deutsche Rennsport Meisterschaft). In leuchtendes Orange getaucht, trug dieses markant-ausladende Modell zudem die Werbebotschaft eines namhaften Spirituosenherstellers idealtypisch mit Speed und Slide durch die grüne Hölle des Nürburgrings sowie andere Höllen (zumeist) pannenfrei ins kongeniale Werbeziel. Jetzt reüssiert er als 320si in der WTCC und wird dort seinem Image gerecht.


-> Die sportliche Note in der zweitürigen Mittelklasse verlieh dem Halter sozialkontextuelle Subdominanz und ließ ihn im Geiste immer wieder lauthals ausrufen: "Seht her, ich bin doch gar nicht so ein Spießer!"
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Texte und Fotos © 2017 Oliver Greh