Autophilie - Automobilismus und Selbsterkenntnis

Die Fortbewegung mittels Kreiskolbenmotor oder in faustkeilförmigen Gebilden gehört zu den evolutionär vornehmsten Errungenschaften der uns bekannten Menschheitsgeschichte.

NSU Ro 80 - im Stil der neuen Zeit

Am Ende der Sechziger Jahre spürte man überall in der Welt ein Rumoren, eine Aufbruchstimmung, neuen Positivismus, hemmungslosen Subjektivismus, tönenden Idealismus, irrisierenden Materialismus und sogar handgreiflichen Revolutionseifer - auch in den Staaten einer staatsdoktrinär verordneten Glückseligkeit (z.B. CSSR 1967/68). Lange Haare, psychedelischer Bluesrock, bunte Fummel, ostentativer Drogenkonsum, libidinöse Liberalität, echauffierter Moralismus, banaler Eskapismus, medienwirksame Affektiertheit, neue Innerlichkeit, emanzipatorische Theorien, aufrührerische Parolen, viel(e) Selbst(ver)suche sowie ungezählte Fehlversuche, garniert mit etwas pathetischer Retterattitüde und aktionistischer Militanz, setzten Turbulenzen frei, die nicht zu ignorieren waren und um die Welt gingen.

Dies ist die kulturhistorische Situation, in der unsere eigentliche Geschichte zu spielen anfängt.

Auch die Konstrukteure, Erfinder und Entscheidungsträger in der Produktentwicklung technikgestützter Waren (heterogene Güter) schienen wie beflügelt und durften endlich das realisieren, was ihnen ein jahrelang innovationsstauender Konservativismus oftmals verwehrt hatte, nämlich im Geiste der Dynamik einer umwälzenden Epoche experimentieren.

Da musste sich gerade im Musterländle Baden-Württemberg eine echte Innovationsexplosion ereignen. Bei NSU, einem mittelgroßen Kfz-Hersteller, kombinierte man auf einmal zwei grundlegend neue Konzepte und wagte sich in Sphären, die bei den etablierten Konkurrenten bisher nicht anzugehen gewagt worden waren oder schlicht nicht ins Blickfeld passten. - Und so ruft die Trägheit massiger Riesen kürzer und leichter Geratene auf die Bühne, lässt neue Entfaltungsebenen erst entstehen.

Mit zeitgeistnaher Risikofreude, Lizenzrechten für das von Felix Wankel grundgelegte, neuartige Antriebskonzept Kreiskolbenmotor (Wankelmotor), dreijähriger, tendenziell guter Erfahrung mit dem NSU Wankel Spider sowie dem Willen und Know-how, das allgemein vorherrschende Fahrzeugdesign auf eine neue Qualitätsebene zu stellen, stürmte dieser Autobauer aus Neckarsulm auf ein Marktfeld, dessen Begehung sich nachträglich als ruhmreich-ambitioniert, aber für seine Größenklasse schließlich zu weitläufig erwies.

Alles passte zum damaligen Gefühl des Umbruchs: Es entstand der Ro 80, zuerst auf dem Reißbrett, dann als Prototyp, in der Fahrerprobung und schließlich als Serienfahrzeug, das mit seiner dynamischen, windschlüpfrigen Keilform noch heutzutage an jedem Designwettbewerb chancenreich teilnehmen könnte, und mit eben jenem Wankelmotor ausgerüstet war, der dieser sportlichen, nicht ganz billigen Familienlimousine, aus 2 x 497 cm (analog zwei Zylindern) saftige 115 PS bei 5500 U/min bereitstellen konnte. Das war damals beachtlich und lag ganz in der Corporate Identity von NSU als erfolgreichem Rennsportprotagonisten (NSU Prinz). Zudem wurde mit dem 3-Gang geschalteten Halbautomatikgetriebe ein zusätzlich nicht gerade marktdominantes Strukturelement verbaut. Die Modellpremiere erfolgte 1967.

Fachjournaille, populärmediale Veröffentlichungen und schließlich auch "der Mann auf der Straße" waren überrascht, entzückt, sogar begeistert. So schick, so schnell und so modern hatte man´s zuvor eher seltener aus deutschen Autoschmieden erlebt - ein Aufmerken ging durchs automobile Volk.

Allerdings klafften Erwartungseuphorie und Gebrauchsalltag beim Ro 80 bald merklich auseinander, und das unternehmerische Vorhaben fand kein volkswirtschaftliches Happy End, sondern entwickelte sich zum betriebswirtschaftlichen Dauerdilemma. Zuerst blieben die Absatzzahlen hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück; ein NSU Ro 80 war attraktiv, aber in seinem Verkaufspreis steckten auch die nicht unwesentlichen Entwicklungs- und Markteinführungskosten, er sprach in seiner Grundauslegung (Viertürer) zudem im Wesentlichen eine Zielgruppe an (wohlsituierte Familienvorstände), bei der ein Hang zum Experiment nicht unbedingt zur Grundmotivation gehört und vor allem: Das Ding der Begierde bockte und das nicht zu knapp!

Der Wankelmotor war genial, aber als Serienfabrikat auf den Straßen Europas den Belastungen seiner arglosen Benutzer noch nicht gewachsen. Massive Kompressionsverluste, komplexe Synchronisationsprobleme im Zündungsbereich, das Auftreten selbstzerstörerischer Leistungsüberdehnungen und anderes mehr sowie Sorglosigkeit oder sogar Vorsatz der Halter bereiteten dem Fahrspaß oft ein vorzeitiges Ende. NSU gab sich außerordentlich kulant und tauschte zerschlissene Aggregate schnell aus, sodass das sarkastische Wort die Runde machte, der Kofferraum eines jeden Ro 80 sei schon durch einen Ersatzmotor belegt.

Die Kalamitäten sprachen sich schnell herum, sorgten für unliebsame Schlagzeilen und verkehrten den Marketingvorteil des Besonderen in sein Gegenteil. Sukzessive, jedoch insgesamt zeitnah und akribisch, diagnostizierte man bei NSU die Ursachen dieser Kinderkrankheiten und schuf konstruktive Abhilfe. Dem kamen Zuliefererwechsel, Erfahrungszuwachs der Reparaturwerkstätten und die Einführung des sehr viel geeigneteren bleifreien Benzins zugute. Unzweifelhaft war dieser deutsche Wankelmotor spätesten in den letzten Jahren seiner Entwicklungslaufbahn ein mustergültiges Hochtechnologie-Aggregat mit marktüblicher Belastungstoleranz.

Das Modell Ro 80 wurde bis 1977 produziert, war aber mit einer geschätzten Gesamtstückzahl von über 37.000 nicht gerade ein Umsatz-Renner. Auf der Straße erreichte das Fahrzeug jedoch schnittige 180 km/h. Der NSU Ro 80 bleibt, trotz einiger Schwächen, in jedweder Betrachtung eines der edelsten deutschen Automobile. Im Stil der neuen Zeit war es seiner Zeit voraus.

Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande, heißt es, und folglich machten erst die Japaner aus dem Wankel sehr viel später eine stückzahlstarke Erfolgsstory.


-> Der Wankelmotor war innovativ, aber nichts für Wankelmütige. In seiner Einführungsphase hielten deshalb viele tourenfreudige Halter im keilförmig erhöhten Kofferraum stets ein Ersatzaggregat parat, so wurde jedenfalls gelästert <-


Texte und Fotos © 2017 Oliver Greh