Autophilie - Automobilismus und Selbstwertgefühl

Die Fortbewegung in stückzahlgebremsten Blechkleidern gehört zu den evolutionär vornehmsten Errungenschaften der uns bekannten Menschheitsgeschichte.

Citroën DS - wo viel Licht ist

Bei den Galliern ist seit alters her immer schon vieles anders. Das erkannte auch deren temporärer Disziplinator, Gaius Iulius Caesar, und zerrieb an ihnen seine Legionen, hielt sich schadlos daran und schrieb einen Bestseller davon ("Der Gallische Krieg"). Stolz sind sie und widerspenstig, die Kelten. Der Stadt-Land-Unterschied blieb bis heute traditionell groß, und viele Franzosen müssen als entschiedene Monarcho-Republikaner gelten. Traditions- und Fortschrittsglaube münden im Gallo-Romanischen-Großraum Frankreich immer wieder in gewagte Experimente, die dann teilweise erstaunliche Resultate zeitigen.

Auch deshalb erreichen uns aus dieser Region bisher oft zeitgenössisch eigenwillige, aber technologisch potentiell wegweisende Sonderlösungen, die dann nicht selten weltweit Konzeptionsimpulse vorzuzeichnen in der Lage sind. Als solch Manifestationen der Wegbahnung und des Vorbildes können gelten:

- Nationalmonument Eiffelturm (1889) / dann Chrysler Building (USA 1930)
- Kampfpanzer Renault FT (1916) / dann Panzerkampfwagen I (Deutschland 1934)
- Senkrechtstarter Dassault Mirage IIIV (1966) / dann VTOL-Joint-Strike-Fighter Lockheed Martin X-35B (USA 2004).

Nur das kuriose Kfz Citroën DS (1955 - 1975) wirkte nie stilbildend, sieht man einmal von der innovativen und für das Fahrgefühl nicht unerheblichen Federungstechnologie ab, die sich schließlich etwas abseits des Mainstreams etablieren konnte. Für "die Göttliche" (DS - "La Déesse") und das Fahrgefühl in ihr eine Entsprechung zu finden, ist bis heute fast unmöglich. Sie blieb ein solitärer Produktstrang ohne offensichtlichen Nachahmungseffekt.

Die designerische Verschränkung von Gartenstuhl, Raumschiff, Schlafwagenabteil und Haifisch war bis heute von anderen Autoherstellern nicht zu kopieren. Zu groß die gestalterische Herausforderung und das Risiko als Plagiateur und Surrogatist auf einem ähnlich ambitionierten Produkt sitzenzubleiben. Das von der Citroën DS verkörperte National-, Elite- und letztlich auch individuell-identitätsstiftende Lebensgefühl war für ausländische Hersteller offensichtlich nicht einmal annähernd glaubhaft zu simulieren - so ließ man es klugerweise auch. Selbst aus Japan - dem Meister-Musterland der Kopisten - sind diesbezügliche Aktivitäten nicht bekannt.

Das Elitäre war auch das Kostspielige an der Citroen DS. Nicht nur der Anschaffungspreis spiegelte den technologischen Geniestreich wider, der eigentlich ein Kraftakt war, sondern auch die vulgär drückenden Instandhaltungskosten. Wo viel Licht ist, kann erfahrungsgemäß auch der Schattenwurf größer sein - oder anders: Göttlicher Schein hellt den Alltag nicht dauerhaft auf, denn stets dunkelt auch das Erhabene schnell nach, und während das Göttliche das Profane unerträglich zu machen sich anschickt, macht das Diktat des Profanen das Göttliche zur farcehaften Chimäre ...

Wir wollen den natürlichen Zerfall und trügerischen Schein allen Seins oder Nichtseins in diesem Erkenntniszusammenhang als Beurteilungsaspekt nicht sophistisch vertiefen, sondern wieder fallen lassen und setzen zivilisations- und kulturbejahend fort, indem wir uns erneut offenen Herzens dem Beschreibungsgegenstand zuwenden und seinen Charme würdigen:

So blieb es immer - und besonders außerhalb Frankreichs - eine Exklusivität, die DS zu fahren, zu besitzen, zu fühlen, fühlen zu lassen, in ihr gefühlt zu werden ...

Erwartungsgemäß avancierte dieses Edelmobil dann auch schnell zur prestigeträchtigen Staatskarosse und zum image-aufwertenden Gangstermobil (z.B. in "Scarface", Brian de Palma, 1983). - Diese beiden Imagos sind sich übrigens im Wesenskern nicht unbedingt immer grundsätzlich fremd.

Neben der visuellen Anmutung, die nicht zuletzt auch "interieur" bezaubern kann (man beachte nur das einholmige Lenkrad), schuf dieses Fahrzeug ein kongeniales, geradezu unnatürlich angenehmes Fahrerlebnis, das man - ob Gourmet oder Gourmand - immer gezwungen sein wird, zu goutieren, denn mit der hydro-pneumatischen Federung war ein zusätzlicher, der wesentliche Ingenieur-Coup gelungen. Dieses Konstruktionselement machte das Gefährt zu einem Luftkissenfahrzeug mit quasi integralem Bodeneffekt. Nur so fährt man überirdisch, buchstäblich ätherisch. - Immer wenn die Götter im Auto durch Frankreich unterwegs sein wollen, dann sind sie es in einer DS.

Bleibt die eher irdische Frage: Was ist eigentlich eine Limousine? - Antwort: Die Citroën DS ist vielleicht das untypischste Beispiel einer idealtypischen Limousine.

Und noch eine Frage: Hat die DS etwas Metaphysisches? Gegenfrage: Kann Ruhm unsterblich sein?

Letztendlich ist die Gnade und Last der Unsterblichkeit unvorhersehbar ... oder wie sagt der Volksmund despektierlich, aber um so zukunftsgewandter: "Erich hat den Längsten" und meint: "Ewig fährt am längsten" ...


-> Fahrgefühl verhält sich wie alle anderen edlen Gefühle auch: Man muss es sich leisten können. So treffen berufliche, gesellschaftliche und fahrerische Leistung auf die von Motor, Getriebe und Fahrwerk <-


Texte und Fotos © 2017 Oliver Greh