Autophilie - Automobilismus und Selbstanalyse

Die Fortbewegung am Fliehkraftlimit gehört zu den evolutionär vornehmsten Errungenschaften der uns bekannten Menschheitsgeschichte.

Audi R10 - von Sieg zu Sieg

Die Le Mans Serie ist der klassische Tummelplatz für Prototypen, Fahrzeuge, die wie Cart- und Formel-Fahrzeuge keine unmittelbare Verwandtschaft zu alltagstauglichen Kfz besitzen und nur für die Reglements und Strecken von Rennwettbewerben konstruiert und optimiert werden. Die Liste der Teams, die mit Prototypen um Siege und Platzierungen kämpfen oder kämpften liest sich interessant, zum Beispiel Mercedes, BWM, Porsche, Bentley, Lola, Peugeot, Toyota, Lola, Panoz, Zytek, Acura, Cadillac und Audi. Mit dem Audi R8C kam 1999 der Prototyp des Prototyps als Coupé auf die Piste, doch schon ab 2000 präferierte man eine Lösung mit offenem Cockpit, eine Roadster-Auslegung mit viel Frischluft und dem angeblichen Vorteil eines schnelleren Fahrerwechsels (die geschlossene Lösung überließ man Bentley). Mit diesem Fahrzeug, armiert mit V8-Motor, feierte man gleich auf Anhieb viele Siege, auch weil sich das Engagement anderer großer Autohersteller auf die Formel 1 fokussierte.

Zwischen 2000 und 2005 war der Audi R 8 immer Favorit und so oft Sieger in diversen Wettbewerben, dass man mit einer Reglementänderung ("Lex R8") der ALMS und der 24 Stunden von Le Mans reagierte, um die Präpotenz dieses Boliden etwas einzubremsen - mit verordnet gedrosselter Motorleistung, Ballastgewicht und verkleinertem Tankraum.

Mit dem Audi R10 trat dann sein direkter Nachfolger in die Erfolgsstapfen. Aerodynamisch unterscheidet sich der R 10 in vielen Details, insgesamt möchte man als Außenstehender für die Karosserieformgebung von Evolution und weniger von Revolution sprechen; der Radstand hat sich vergrößert, eine Strömungsverkleidung hinter dem Phantombeifahrersitz sowie Anström-Elemente im Front-, Hintercockpit- sowie Heckbereich, eine Karosserie-Egalisierung hinter der Vorderachse kamen hinzu, die Oberkanten der Front-Hutzen wurden angewinkelt, Heckleuchten sowie Flügelfläche des Heckspoilers verkleinert. Der wesentliche Coup gelang jedoch mit dem Aggregat, einem Dieselmotor: Ein 5,5-Liter-Zwölfzylinder-Diesel-Aluminiummotor mit Biturbo-Lader entwickelt satte 650 PS, beschleunigt das 4,65 Meter lange und merklich unter einer Tonne schwere Gerät auf mindestens 335 km/h.

Und schon eilt der neue Audi-Renner wieder von Sieg zu Sieg, auch wenn der derzeit härteste Prototyp-Rivale von Peugeot, der geschlossene - mit einer ungewöhnlich massiven A-Säule ausgerüstete 908 HDI - eine harte Nuss ist. Dessen 12-Zylinder-Dieselaggregat ist zwar um ca. 50 PS stärker, aber tendenziell auf lange Distanz auch wartungsintensiver, seine Platzierungen machen ihn jedoch zum Favoritenkiller in spe.

Drei Infolge-Siege bei den 24 h von Le Mans (2006/2007/2008) hieven den neuen Audi R10 zweifelsfrei in die Dominatorrolle. Und mittlerweile heißt es in den Le-Mans-Serien "Diesel fahren, Sieg einfahren".


-> Schneller fahren, höher drehen, weiterkommen; Übersteuern, Untersteuern, Grip, Graining, Boxenstopp, Abtrieb, Topspeed, Motorschaden: Die Siegprämien dieser Zeit einzufahren, erfordert hyperwissenschaftliches Vorgehen <-


Texte und Fotos © 2017 Oliver Greh