Autophilie - Automobilismus und Selbstentfaltung

Die individuelle Fortbewegung in den USA gehört zu den evolutionär vornehmsten Errungenschaften der uns bekannten Menschheitsgeschichte.

Cadillac Series 62 - so spaßig wie unvernünftig

Eine der bekanntesten Tochterfirmen von General Motors ist die Traditionsmarke Cadillac, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Motor City (Detroit) gegründet wurde, Größe, Ruhm und Arbeitsplätze der Stadt mehrte, die Industrialisierung der Nation vorantrieb sowie schon wenig später in den Schoß von GM (General Motors) wanderte, um dort bis heute zu den populären Automarken und Umsatzbringern zu gehören.

Cadillac stand im Konzernmarketing tendenziell für ausladende Karosserien, großzügige Motorisierung und Luxus im Sinne der gehobenen Mittel- bzw. unteren Oberklasse. In den Wortwerken der US-amerikanischen Popkultur fand diese Marke deshalb häufig namentlichen Eingang (z.B. bei Elvis Presley, Bo Diddley, Charles Bukowski, Kiss) und galt dort vor allem als eines der Insignien für einen angestrebten oder verachteten Wohlstand, Ausweis von Attraktivität, aber auch eines satten Bürgertums und dessen konsolidiertem Aufstieg. Wer einen neuen Cadillac fuhr, hatte es mutmaßlich geschafft und war - wie auch immer - etabliert ...

Die Entwicklung der Cadillac Series 62 reicht mindestens bis Anfang der vierziger Jahre zurück, und seinerzeitige Modelle waren untypisch eher als Sparmobile ausgelegt. Aber die Evolution im Automobilbau neigt nicht nur zur qualitativen Steigerung in der Produktgestaltung, sondern auch und gerade zu deren quantitativen Expansion. Schon 1948 erhielt der Cadillac 62 seine ersten "Seitenleitwerke" und gehörte damit zu den Protagonisten eines neuen Designs (Heckflossen), das sich im folgenden Jahrzehnt zuerst auf dem US-Markt stilbildend durchsetzte und bis Mitte der sechziger Jahre international als potent-sexy galt (s. auch Mercedes W 110).

Die Serie Cadillac 62 wurde stetig diversifiziert und bestand sowohl aus Limousinen (legendär: Sedan de Ville), holmlosen Hardtop-Coupés (fehlende B-Säule) sowie reinen Verdeckcabrios (Cadillac Series 62 Convertible 1958). Ab 1957 überschritt man folgerichtig die 300-PS-Grenze bei 8 Zylindern und einem Hubraum nahe bzw. jenseits 6000 ccm. Das sind in Europa selbst in heutiger Zeit (2008) noch merklich überdurchschnittliche Konfigurations- und Leistungsdaten für ein Serienfahrzeug dieser Kategorie, und auch im damaligen Zeitalter der vermeintlich unerschöpflichen Ressourcen waren die so spaßig wie unvernünftig verschwenderisch. Aber dem damaligen allgemeinen Publikumsgeschmack und dem Zeitgeist galten ein Maßhalten als eng, ärmlich und fortschrittsfeindlich. Bedenklich: Für Absatzzahlen sind bis heute ökologisch-funktionsrationale Erwägungen häufig hinderlich geblieben, denn das Erstreben von Sozialprestige manifestiert sich in triebhafter Aneignungsmotivation des Großen und Stärkeren - überall und immer. Also gilt nach wie vor: Ich bin, also will ich! Das führt unweigerlich zur Relationsverschiebung und damit zur Rüstungsspirale. Dafür ist das jahrzehntelange Duell GM kontra Ford technologie-historisch symptomatisch geblieben.

Besonders im US-renitent sozialistischen Kuba haben viele Dinosaurier dieser Fahrzeugepoche (bes. Straßenkreuzer vor 1961/62) aus Gründen des US-Handelsembargos, der eigenen territorialen Abschottung und vor allem des Devisenmangels wie in einem überdimensionalen Erlebnismuseum als Leistungsträger einer insgesamt bescheidenen Individualmotorisierung überlebt, weil man sich hier gezwungen sieht, durch improvisierend technisch-konservierende Lösungen die Kfz-mobile Substanz erhalten zu müssen. Not macht eben erfinderisch, geradezu langlebig, und nichts kann dauerhafter sein als Provisorien ...


-> Keine moralisch intakte Gesellschaftsform kommt ohne sichtbare Attribute ihres reüssierenden Sozialdarwinismus aus. Hier tragen jeweils vier Gummiringe die Gesamtlast von Besitzerstolz als Erfolgsgewissheit <-


Texte und Fotos © 2017 Oliver Greh