Autophilie - Automobilismus und Selbstbestätigung

Die Fortbewegung in den Sechzigern gehört zu den evolutionär vornehmsten Errungenschaften der uns bekannten Menschheitsgeschichte.

Opel Kapitän - neue Klasse von Machern und Karrieristen

Im vergangenen Zeitalter von Führern, Unterführern und Gefolgschaften war es auch für den im südhessischen Rüsselsheim beheimateten deutschen Traditionsautobauer Adam Opel AG (seit 2005 GmbH) Zeit, Marktführerschaft anzustreben und ein Schiff namens Opel Kapitän vom Stapel zu lassen, um den Luxusanbietern Mercedes-Benz (z.B. als Pkw-Doppelachser von der Reichskanzlei für Führerausfahrten präferiert), Maybach und Horch zumindest e t w a s Kielwasser vor den Bug zu spülen.

Der seit Ende der zwanziger Jahre im amerikanischen Besitz von General Motors / GM befindliche Autokonzern ließ dazu 1937 den Admiral und 1938 den Kapitän zu Wasser, Fahrzeuge in fortschrittlicher, amerikanisch inspirierter Formgebung, zu übrigens erstaunlich günstigem Kaufpreis.

Requiriert dienten sie dann der Wehrmacht als Beförderungsmittel für Generäle und Stabsobristen oder um den kriegswichtigen Champagnernachschub an verschiedenen Heimatfronten zu gewährleisten. Vielleicht war auch der eine oder andere Opel Kapitän oder Admiral als Dienstfahrzeug in geheimer Kommandosache der deutschen Kriegsmarine unterwegs - zum Beispiel auf dem langen Weg aus dem Hauptquartier Mürwig zur westfranzösischen U-Boot-Festung St. Nazaire ... Hier sind die detailverliebten Fantasien routinierter Romanciers gefragt, diesen Gedanken in einen Bestseller zu packen, um uns Leser damit auflagenstark mit auf den abenteuerlichen Weg zu nehmen.

Als feldgraue Zubringer vieler Wehrmachtsdienststellen verloren diese Fahrzeuge zuerst nicht an Charme. Mit kriegsbedingt zunehmender Energieverknappung wurde dann jedoch zum Vortrieb häufig sperrig hochkant im Kofferraum eine Holzgasanlage installiert oder das Gerät zum Lazarettfahrzeug umgebaut, und nun triumphierte schnöde Funktion über repräsentativ schnittige Schönheit, aber irgendwie sollte der Kahn doch noch geschaukelt werden. Daraus wurde letztendlich im Sinne der Erfinder aber nichts.

So war nach dem Krieg Tabula Rasa, und jetzt erledigten die Sieger ihre Dienstgeschäfte und Privatangelegenheiten nicht selten mit den erbeuteten Seekriegs- und Fahrzeugflotten aus der Konkursmasse des Deutschen Reichs und seiner Dienststellen von Verwaltung, Partei und Armee.

Ende 1948 nahm man die Produktion bei Opel für den Kapitän ohne gravierenden Entwicklungsaufwand wieder auf und konnte von diesem Fahrzeug bis Frühjahr 1950 fast 13.000 Stück absetzen. Nach der Erfüllung des direkten Nachholbedarfs setzte dann in den Fünfzigern der jungen Bundesrepublik der Boom, genannt Wirtschaftwunder, ein. Jetzt liefen die Bänder für alle Bedarfsartikel des täglichen und gehobenen Bedarfs heiß.

Die sozialen Verwerfungen waren mit der weitgehenden Verwüstung Deutschlands anscheinend nicht so nachhaltig, wie vielleicht zuvor vermutet, denn der alte Mittelstand rappelte sich wieder, die traditionelle Oberschicht hatte nicht ernsthaft Federn lassen müssen, und eine neue Klasse von Machern und Karrieristen brachte wieder Konsumlust der komfort- und imageträchtigen Art ins Wirtschaftsgeschehen. Man war wer, die Straßen und Städte waren autofreundlich freigeräumt und instand gesetzt, neue in Planung oder Bau, und es wollte am eigenen Beispiel vorgeführt werden, dass es nicht nur wieder auf dem Asphalt vorwärts ging.

1954 bekam der Opel Kapitän ein Face- und Bodylifting und entsprach wieder dem aktuell vorherrschenden Zeitgeschmack der Fünfziger. Bis 1958 fand dann eine weitere Design-Amerikanisierung statt und auch Motor und Leistung wurden den Erfordernissen angepasst. 1964 verpasste man ihm dann sein tendenziell finales Aussehen und 1965 einen Motor (125 PS aus 2784 ccm) mit dem er endlich auch auf Ebene der Kraftentfaltung in der Oberklasse seiner Zeit mitventilieren konnte.

Mit den Jahren etablierte sich aus der elegant-juvenilen Design-Interpretation amerikanischer Vorbilder dieses - von manchen als kahnhaft denunzierte - Gefährt zum Flaggschiff im Flottenverband von Opel, ohne der Technik und dem konservativ-innovatorischen Charme des Kontrahenten Mercedes wirklich gleichzeitig Vergleichbares entgegensetzen zu können. Allerding blieb man preislich attraktiv und auch in der Endgeschwindigkeit ließ man sich nicht abhängen.

Wie bei allen hervorragenden Fahrzeugen des täglichen Straßenververkehrs blühte auch bei Opel Admiral und Kapitän der Volksmund auf; viele Bundesbürger assoziierten mit dem Gebrauch von Kapitän, Admiral und Diplomat (KAD) Bauunternehmer, Großmetzger und Geflügelmäster. Nur die angeblichen "Wirtschaftskapitäne" entstiegen häufiger einem "Daimler".

Viele Jahre zuvor an Bord der deutschen Bismarck gab es während der Feindfahrt Irritationen in der Kommandogewalt: Der Schiffsführer "Kapitän Ernst Lindemann" und sein Vorgesetzter "Admiral Günter Lütjens" waren sich in der entscheidenden Gefechtssituation nicht einig, sodass der Rangniedere die Initiative ergriff und dem Flottenverband kurzerhand Feuerbefehl erteilte, um die Kanonade gegen die HMS Hood sowie die HMS Prince of Wales aufzunehmen.

Nur Opelaner, Modellexperten und eine nicht einzuschätzende Anzahl von Fans und Haltern können die Qualitäten und Hierarchie von "Kapitän" zu "Admiral" sicher unterscheiden. Einen Befehlsnotstand gab es ab 1977 sowieso nicht mehr, denn einzig der Diplomat übernahm jetzt die Modellführung im Opelkonzern. Auch der letzte Kadett war schon lange von Bord gegangen worden, um dann bis 1993 doch noch Dienst tun zu müssen. Denn auf offener See, vor Gericht und manchmal sogar in der deutschen Autoindustrie ist nämlich so gut wie alles möglich ...


-> Das motorkraftgetriebene Fahrzeug als Universalinstrument zur Selbstbestätigung; ein Heuchler, wer sich hier nicht selbst bestätigt sehen wollte <-


Texte und Fotos © 2017 Oliver Greh