Autophilie - Automobilismus und Selbstähnlichkeit

Die Fortbewegung auf imprägnierten Ledersitzen gehört zu den evolutionär vornehmsten Errungenschaften der uns bekannten Menschheitsgeschichte.

Ford Thunderbird - martialisch edel, unnatürlich elegant

Die Ford Motor Company (FMC) als zweitgrößter Automobilhersteller in den USA und naturgemäß gefährlichster Kontrahent von General Motors (GM) duelliert sich mit dem Marktführer schon seit fast 100 Jahren mit jeder Modellreihe und jedem Modelljahr aufs Neue (z. B. Mustang versus Corvette).

Diese gegenseitige Call-Response-Spirale führte in den Vereinigten Staaten nach dem zweiten Weltkrieg zu einem intranationalen Wettrüsten, das den Typus des klassischen Straßenkreuzers hervorbrachte, denn der Wettbewerb wurde jahrzehntelang durch verhältnismäßig geringe Sprit- und Stahlpreise, kosteneffiziente Produktionsweisen, Vollbeschäftigung, endlose territoriale Weiten (auch in urbanen Arealen), einen dadurch forcierten Straßenbau und schließlich publikumsheischende, immer voluminöser werdende Karosseriedesigns geprägt.

Der amerikanische Straßenkreuzer war und ist Langstreckentransporter, Wohn- und Schlafzimmer, Kommandozentrale und vor allem sichtbares Identifikationsinstrument im Dienste seines Besitzers. Man ist, was man fährt - wird vor allem dafür gehalten. Schließlich gerierten US-Cars neben Fa(s)tfoot und einer braunen Brause mit rotem Etikett zu den sichtbarsten, geradezu klischeehaften Repräsentanten des American Way of Life - weltweit. Ein ungnädiges Wort vom "Kulturimperialismus" machte in einigen Kreisen näherer und ferner Nachbarn die Runde. Dazu kam mit den schillernden Varianzen der exportierten und global zumeist goutierten Ess-, Trink-, Verhaltens-, Hör- und Sehkultur noch eine generelle ideologische Superiorität hinzu, deren dominante Durchdringungsdynamik nicht ausnahmslos einhellige Bewunderung hervorrief, sondern auf außeramerikanische Traditionalisten befremdlich wirkte und Gegenteiliges bewirkte. Trotzdem haftete den meisten US-Produkten der Nimbus des Erfolgreichen und Nachahmenswerten an. Schließlich waren die USA führend in Raumfahrt, Luftfahrt, Schifffahrt, Rüstung, Datenverarbeitung, Finanzwesen, Hochbauarchitektur ... nur eben in ziviler Fahrzeugtechnik nicht. Hier herrschte mehr Quantität als Qualität.

Die Modelle der Produktreihe Ford Thunderbird, hergestellt 1955 bis 1997 sowie 2002 bis 2005, waren für einen Zweitürer selbst für US-Verhältnisse großräumig dimensioniert, und der T-Bird entsprach den auto-kulturellen Wertvorstellungen des Durchschnittamerikaners in einer idealtypischen Weise, die sich derart zu einer langen Produkt-Historie mit jährlich überdurchschnittlichen Stückzahlen formierte. Als Sportcoupé, in Alternative und Kampfansage zur Chevrolet Corvette (GM), versuchte der Thunderbird gleich mit einem 8-Zylinder-Triebwerk zu trumpfen.

Ab Ende der Fünfziger Jahre ließ man dieses sportwagenanaloge Fahrzeug dann zum kantigen Viersitzer, Fünfsitzer und sogar Sechssitzer mutieren, worauf es merklich anschwoll. Mitte der Siebziger Jahre hatte sich das Gefährt in seiner Längsausdehnung zu einem Dirty-Harry-Revolver vergleichbaren, allerdings kantigen Etwas entwickelt, das zu breit und lang war, um in der Enge der Städte noch praktisch sein zu können. Gerade deshalb zielte diese Entwicklungsphase des Thunderbird auf die Young und Older Urban Professionals, denen chromblitzende Phallushaftigkeit des Gefährts und eine latente Zurschaustellung von Skrupellosigkeit als zusätzlich wichtig zur Imagebildung sein konnten. Allein die Frontpartie dieses Kfz schien auszusagen: "Ich kann Dich fressen, wenn ich will".

Jetzt (1972–1976) hatte der Ford Thunderbird mit 5,73 Metern Länge, einem Leergewicht von ca. 2200 kg sowie 7000 resp. 7500 ccm seinen Entwicklungszenit erreicht, war martialisch edel, unnatürlich elegant, geradezu unschlagbar und fraß meist mehr als 20 l Sprit, beförderte aber zumeist nur eine Person. So konnte er vor lauter Kraft seine Kraft in den Downtowns gar nicht mehr entfalten, sollte dies aber auch physisch gar nicht, denn er folgte in seiner psychologischen Wirkung der im Kalten Krieg gelernten Lektion von Imponiergehabe und Drohgebaren. Und so gehört das Ford Thunderbird Sport Coupé 1975 zu den faszinierendsten Designobjekten eines ganzen Jahrzehnts, wurde "Big Bird" gerufen und war technisch im Wesentlichen ein Lincoln Continental Mark IV, der wiederum im Originalblechkleid wie sein zweieiiger Zwilling wirkte.

Hypertrophie und Hyperbolismus schienen sich jetzt modellübergreifend fast schon hybrishaft zu verschränken. Schein und Sein, Pomp und Power waren kaum mehr auseinanderzuhalten, und man beschloss, die Entwicklungstendenzen des Thunderbird umzukehren. Die Grenzen des Wachstums waren nämlich auch den Machern bei Ford schon längst klar geworden. Mehr Thunderbird, mehr Kunstwerk, mehr Expression gingen nicht - schließlich wollte man sich nicht weiter vom originären Gedanken einer zweckgebundenen Fortbewegung entfernen. Ein ökonomischer Einbruch dieser Modellreihe war nämlich nicht mehr auszuschließen.

In den nächsten 20 Jahren kehrte dieser Vogel dann wieder zu den Prinzipien seiner Grundkonzeption zurück, wurde im Layout geradezu europäisiert, sogar gemütlich rundlich und verlor Jahr für Jahr zunehmend den unwiderstehlich unausstehlichen Charme seiner Blütezeit ...


-> Die immanente Krisenhaftigkeit des Reproduktionskreislaufes kartellierter Warenwirtschaft manifestiert sich in der Homogenität ihrer Produktangebote <-


Texte und Fotos © 2017 Oliver Greh